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Eine Website über mich, mein Leben und meine Bücher kann nicht vollständig sein ohne etwas über diese wunderbare Insel zu erzählen, meinem zweiten Zuhause. Die Schweiz wird immer meine Heimat sein, meine Wurzeln. Doch Irland ist mein Herzensland. Seit über 10 Jahren empfinde ich die Insel als "Home away from Home". Ein Sprachaufenthalt im Jahr 2000 hat Lust auf mehr gemacht und so ging ich im Frühling 2008 für ein literarisches Time-Out an die Westküste Irlands. Untenstehender Text berichtet über diese Zeit. Seither ist viel geschehen. Ich habe den ganzen Sommer 2009 in Irland verbracht und einmal den Arbeitsalltag auf irisch erlebt. Statt meinen Irland-Virus zu kurieren, bin ich seit diesem Aufenthalt noch mehr von der Insel angefressen. Und zähle immer wieder die Tage bis zu meiner Rückkehr... drum lasst euch von mir auf eine Reise an den Rande Europas mitnehmen. Viel Spass dabei!

Die grüne Insel hatte es mir seit meinem ersten Besuch 1999 sehr angetan und es war seit jeher mein grösster Traum gewesen, eines Tages dort in einem abgelegenen Cottage ein Buch zu schreiben. Dieser Traum sollte nun wahr werden und so machte ich mich bewaffnet mit meinem Laptop, einem dicken Lonely Planet Reiseführer und einer grossen Portion Freude auf den Weg.


Typisch irisches Cottage mit Blick auf die Aran Islands

Mein Ziel war Doolin, ein winziges Dörfchen an der Westküste von Irland, eingebettet zwischen den berühmten Cliffs of Moher und der gigantisch schönen Steinlandschaft namens Burren. Es hat ungefähr 200 Einwohner, mindestens dreifach so viele Schafe, 3 Pubs, eine Kirche und gilt als eine der Hochburgen von traditioneller irischer Musik. Nach meinem Monat in der Millionenstadt Barcelona war nun also eine ganz andere Szenerie angesagt und als ich am ersten Morgen in meiner neuen Heimat auf Zeit aufwachte, drang eine Frage in mein Bewusstsein: was werde ich bloss zwei Monate in dieser Einöde anstellen? Ich hatte mir im Vorfeld nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie es zwei Monate lang in der irischen Pampa sein wird, an einem Ort, wo ich niemanden kenne und die nächste Stadt mit Kinos und anderen potenziellen Ablenkungen eineinhalb Stunden mit dem Bus entfernt liegt. Und so fand ich mich im Bett liegend darüber am sinnieren, was ich mit mir selbst für 8 Wochen anstellen sollte. In keine feste Tagesstruktur eingebettet zu sein und nichts tun zu müssen, sondern alles nach dem Lustprinzip und im eigenen Rhythmus zu machen, war ein Luxus, den ich schon seit vielen Jahren nicht mehr so erlebt hatte. Gleichzeitig ein Luxus, den ich am Anfang schwierig zu begreifen fand und ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, mich während den ersten paar Tagen manchmal etwas einsam und verloren gefühlt zu haben. Doch dies sollte sich schnell ändern.

In einem solch kleinen Dörfchen (nebenan seht ihr die Hauptstrasse Doolins) wird ausserhalb der Tourismus-Saison natürlich schnell registriert, wenn eine Fremde immer im Dörfchen rumtrollt und schon bald hatte ich einige Bekanntschaften gemacht. Viel dazu beigetragen hat Beans, der Irish Redsetter meiner Vermieter, mit welchem ich immer spazieren ging. Während ich in meinem Zürcher Alltag täglich Dutzende von Kontakten zu Leuten pflegte, waren diese kurzen Gespräche auf der Strasse hier oft die einzige Konversation, die ich an einem typischen Irland-Tag hielt. Und obwohl ich ein Plappermaul bin, fand ich es mal eine ganz neue und für mich spannende Erfahrung, meine Eindrücke für mich selbst zu behalten, ohne sie mit der halben Welt zu teilen. Dieser Umstand gab natürlich dem Schreiben eine ganz neue Bedeutung und viele der Begegnungen, die ich machte und Anekdoten, die ich hier erzählt bekam, werden ihren Weg in mein nächstes Buch finden. 

Als regelmässige Irland-Besucherin fielen mir einige Veränderungen an der grünen Insel auf, die mich zum Nachdenken brachten. Der riesige wirtschaftliche Wachstum, den Irland seit Mitte der neunziger Jahre erlebt hat, hat unübersehbare Spuren in Irland’s Seele hinterlassen. So findet man beispielsweise die Herzlichkeit der Iren seltener als noch vor zehn Jahren, als ich das erste Mal hierher kam. Irland hatte im letzten Jahr die höchste Inflation innerhalb der ganzen Europäischen  Union und dementsprechend ist der Leistungsdruck bei den Einwohnern der Insel gewachsen. Es gibt mehr Selbstmorde denn je und immer mehr Familien brechen auseinander, dabei war Scheidung in Irland noch vor wenigen Jahren illegal. Zudem wurde das Land in den letzten Jahren von ausländischen Einwanderern sprichwörtlich überflutet, vor allem aus Polen und generell aus Osteuropa. Dies in einer solch grossen Anzahl, dass es in den Supermärkten separate Regale mit polnischem Essen gibt. Meine Beobachtung war, dass die Iren diese Entwicklung mit Stirnrunzeln observieren und nicht wirklich glücklich darüber sind. Ich bin in den letzten zwei Monaten zum Schluss gekommen, dass Irland seine alte Identität grösstenteils verloren, gewisse Dinge wie z.B. ein sehr konservatives Denken jedoch behalten und seine neue Identität, wie beispielsweise mit den im Land lebenden Fremden umzugehen, noch nicht gefunden hat.

Es ist allerdings nicht einfach, eine irische Person in eine tiefgründigere Diskussion darüber zu verwickeln. Die meisten Gespräche, die ich führte, waren eher oberflächlich und nach dem Wetter, meinem Herkunftsland und Namen wollten sie meistens nicht mehr viel mehr wissen. Und am liebsten schon gar nicht etwas von sich persönlich preisgeben. Das tun sie meist erst dann, wenn sie etwas getrunken haben und in dieser Disziplin haben die Iren nicht umsonst den Ruf einer trinkfreudigen Nation. Und so sass ich manches Mal bewaffnet mit meinem Notizbuch alleine ins lokale Pub, trank etwas, beobachtete die Menschen und blieb dabei selten lange alleine. Diese Pub-Gespräche haben mir manche Recherche erspart und waren meist interessant. Es gab allerdings mehr als einmal auch Momente, wo der Umstand, dass ich als Frau alleine im Pub unterwegs war, eine etwas zu grosse Aufregung bei den männlichen Pub-Besuchern auslöste und ich so manche übereifrige Hand von meinem Knie schubsen musste.


Schnell fiel mir auf, dass es in Doolin eine Rarität war, einen echten Iren oder eine echte Irin zu finden. Jeder zweite mit dem ich einen Schwatz hielt war entweder aus Deutschland, Frankreich, Südafrika oder den Staaten und alle erzählten mir die gleiche Geschichte: sie seien halt mal in Doolin in den Ferien gewesen, retour gekommen, wieder retour gekommen und am Schluss hängen geblieben. Und ich begann schon sehr schnell zu verstehen, wieso dies so ist: nach etwa drei Wochen hatte ich bereits 2 Heiratsanträge und 3 Jobangebote erhalten, mich total in die Landschaft und das Dörfchen verliebt und fühlte mich so, als ob ich schon ewig hier sei. Ich hatte meine Tagesroutine mit Schreiben, langen Spatziergängen mit dem Hund Beans und Ideen sammeln durch Beobachtungen von Menschen gefunden und zur Abwechslung davon besuchte ich ein Literaturfestival, ging auf eine der Aran Inseln und machte eine Schifffahrt zu den 250 Meter hohen Cliffs of Moher. Dinge wie alleine in einem Restaurant zu essen, nicht mobil zu sein und für einen Liter Milch eine Stunde zu Fuss gehen zu müssen und die nächste Internetverbindung eine halbe Stunde entfernt zu haben waren Umstände, die mir bei meiner Ankunft noch einige Schwierigkeiten bereitet hatten, die ich aber nach ein paar Wochen gar nicht mehr richtig wahrnahm. Natürlich war nicht alles nur rosa, es gab ein paar unschöne Momente, beispielsweise als ich von einem leicht irren Bauer in der Nacht mit dem Auto verfolgt wurde oder während eines Spaziergangs einen total alkoholisierten Exhibitionisten antraf und einfach nur froh war, einen riesigen Hund dabei zu haben. Doch mein Gesamteindruck vom Land und den Leuten ist derselbe geblieben: es ist ein einmaliges Land, man trifft mit etwas Glück wahnsinnig interessante Leute und kann sich richtig wohl fühlen dort. 




Die gigantischen Cliffs of Moher




Man findet Kilometer und Kilometer von diesen typischen Steinmauern auf Irland...

Im Vorfeld hatten mich viele Leute darauf angesprochen, was ich tun würde, wenn ich eine Schreibblockade kriegen sollte und meine Antwort war immer dieselbe gewesen: als Autorin muss ich dieses Risiko eingehen, sonst werde ich nie herausfinden, ob dieser Weg wirklich der Richtige für mich ist. Und ich muss gestehen, es gab einige schwierige Momente während des kreativen Prozesses. Im Gegensatz zum ersten Buch, wo ich relativ unbekümmert drauflos geschrieben habe, ging ich diesmal viel strukturierter an die Geschichte heran, versuchte die Fehler, die ich beim ersten Mal machte, zu vermeiden und war nicht so spontan beim schreiben. Und manches Mal habe ich nach stundenlangem Rumgeknorze ganze Seiten wieder gelöscht, weil ich mit dem erreichten Resultat nicht zufrieden war. Und ja, das war dann manchmal ganz schön frustrierend. Und ja, manchmal hätte ich meinen Laptop gerne an die nächste Wand geknallt. Und ja – ich würde es genau so und nicht anders nochmals machen, denn sich zwei Monate voll auf das einlassen, was man am liebsten tut, ist trotz allen Schwierigkeiten eine Erfahrung, die ich jedem Menschen einmal im Leben wünsche. Daher ist mein Fazit aus diesen zwei Monaten in Irland ein durchaus positives, ich habe unglaublich viel fürs Leben gelernt und werde diese Erfahrung so bald wie möglich einmal wiederholen. Dies war nicht das Ende meines Schreibtraumes - "it was only just the Beginning"....

© Alexandra Baumann, Mai 2008